Gestatten? Mein Geist und bester Feind

„Von allen Urteilen, die wir im Leben fällen, ist keines so wichtig wie jenes, das wir über uns selbst fällen.“

Nathaniel Branden

Unser Gedankenkarussell dreht sich 24/7. Es hört niemals auf, es sei denn, wir gehören zum erlauchten Kreis jener Menschen, die als „erleuchtet“ gelten und sich nur noch im Nirvana bewegen – also in der absoluten Gedankenlosigkeit, ohne Zeit und Raum. Unser Geist ist darauf programmiert, unaufhörlich zu funktionieren. Und das bedeutet, er produziert ununterbrochen Gedanken. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob diese Gedanken gerade lebensentscheidend oder völlig profan sind. Was zählt, ist, dass unser Gehirn niemals inaktiv sein darf. In diesem Fall wären wir nämlich tot… ein eher unerfreulicher Zustand. Davor bewahrt uns unser Oberstübchen ebenso zuverlässig wie unser Herz, das Tag und Nacht, schon im winzigsten Zellhaufen im Mutterleib bis an unser seliges Ende schlägt.

Geschichtenerzähler

Ich bin diesem Wunderwerk der Schöpfung – unserem Gehirn – zwar unendlich dankbar, dass ich mich dermaßen auf seine Leistungsfähigkeit und Ausdauer verlassen kann. Andererseits wundere ich mich schon auch oft darüber, welche haarsträubenden und kuriosen Geschichten es mir den lieben langen Tag erzählt. Vor allem über mich selbst! Und das kann zwar manchmal amüsant sein, meistens aber ganz schön runterziehen… Vor allem, wenn ich diesen Erzählungen wider besseren Wissens Glauben schenke:

„6:15 Uhr: Mist. Zum dritten Mal auf Snooze gedrückt und wieder eingeschlafen. Jetzt muss ich aber wirklich aufstehen! Warum kann ich Idiot denn nicht mal früher schlafen gehen, wenn ich in der Früh so hundemüde aus dem Bett krieche… 6:18 Uhr: Wie siehst DU denn heute wieder aus? So kann dich doch keiner ertragen! Erst mal eine Schicht Make-up drauf, um das Schlimmste zu verdecken… 6:45 Uhr: Verdammt! Jetzt hast du Depp schon wieder vergessen, Kaffee einzukaufen. Und die Jeans hat auch schon mal lockerer gesessen. Du solltest endlich mal von dieser elenden Schokoladensucht loskommen. Aber dafür bist du ja sowieso viel zu inkonsequent. Das schaffst du nie… 7:15 Uhr: Schon wieder bist du zu spät dran – jetzt kommst du natürlich in die schlimmste Rush-hour rein, ist ja typisch für dich! Und diese ganzen Termine heute – das kann ja heiter werden. Bla, bla, bla…“

Ja, da kommt Freude auf und der Tag fängt gleich richtig positiv an! Wenn mein Geist eine Person wäre, ich würd ihr glatt eine reinhauen. Vor allem in der Früh, weil ich bin echt kein Morgenmensch… Hoppla! Schon wieder Bullshit, den mir mein Gehirn da gerade erzählt hat. Sorry, aber davor bin ich wirklich nie gefeit!

Autopilot OFF

Nur zur Klarstellung: Nein, ich höre keine Stimmen. Ich spreche davon, dass mein Ego – also mein Geist – meinem Selbst – also meinem Bewusstsein – ständig die Welt erklärt. Besserwisserisch, schulmeisterlich, rechthaberisch, manchmal auch richtig fies und verletzend, von oben herab und mit erhobenem Zeigefinger. Würde ich dem immer Glauben schenken und mir nicht bewusst machen, dass mein Gehirn die meiste Zeit im Autopilot unterwegs ist, sähe es wirklich düster für mich aus. Aber ich weiß, es macht nur seinen Job! Nicht mehr und nicht weniger. Ob ich mich auf sein Urteilsvermögen verlassen kann, muss ich immer wieder bewusst hinterfragen. Ich sehe es inzwischen als eine Art Trainingsprogramm: viele meiner selbstverurteilenden Gedanken, die mir im Lauf eines Tages so durch den Kopf gehen, werden mir erst vorm Einschlafen im Bett bewusst. Im Nachhinein – lasse ich einige davon Revue passieren – ist es einfacher, sie zu entlarven und zu relativieren. Schwieriger ist es schon, sie unmittelbar zu erkennen. Denn meistens bin ich so in einer Situation gefangen, dass ich den nötigen Abstand dazu nicht herstellen kann, um sie mir bewusst zu machen.

Boxenstopp fürs Gehirn

Die Königsdisziplin, für die ich mich erst noch qualifizieren muss, ist jedoch, solche Gedanken erst gar nicht mehr von meinem Gehirn denken zu lassen. Und zwar, weil ich sie durch positive, bestärkende Glaubenssätze obsolet mache. Klingt komisch, aber unser Gehirn ist wie ein Muskel, der trainiert und geformt werden kann. Und genau dafür nutze ich Hilfsmittel wie tägliche Affirmationen oder Meditation. Die tief eingekerbten Nervenautobahnen im Gehirn lassen sich dadurch langsam aber sicher verlegen – steter Tropfen höhlt den Stein. Wir schaffen es so, uns „umzuprogrammieren“, unser Gehirn gütiger und nachsichtiger mit uns werden zu lassen. Unsere Gedanken also vom Kampf- und Überlebensmodus, dieser aggressiven Art uns selbst gegenüber, hin zu einem Zustand des verständnisvollen Mitgefühls zu transformieren.

Mein Geist – ich – bin die Person, mit der ich die wichtigste und mit Abstand längste Beziehung in meinem Leben führe. Wäre es da nicht angebracht, freundlicher mit sich zu sein? Ein guter erster Schritt ist sicher, sich darüber bewusst zu werden, welche Geschichten wir uns tagtäglich selbst erzählen und vor allem wie wir mit uns selbst sprechen. Denn unsere Gedanken formen unser Dasein und schaffen letztlich unsere Realität. Fang also an, mit dir selbst Freundschaft zu schließen und sei lieb zu dir!

In der Rubrik „Glüx-Schlüssel“ oben findest Du Anleitungen für Affirmationen und Meditationen, die dir helfen können, liebevoller und aufmerksamer mit dir selbst umzugehen.

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